Olympia-Held fängt von unten an

Wasserspringen 21.03.2013

In London sprang der Dresdner Martin Wolfram trotz schwerer Verletzung auf Platz acht. Jetzt testet er vom Beckenrand.

 

Von Daniel Klein

 

 

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Er steht am Beckenrand, mit dem Rücken zum Wasser, streckt die Arme nach oben, hebt die Fersen an und verlagert sein Gewicht auf die Zehen. Dann springt Martin Wolfram ab und taucht Sekundenbruchteile später ein. Nahezu spritzerlos. Und geräuschlos. Sein Trainer schaut nur beiläufig hin, er muss auf die achten, die nebenan von den Brettern und Türmen in die Tiefe stürzen. Wer sich nur vom Beckenrand abdrückt, dem kann eigentlich nichts passieren. Erst recht nicht einem Olympia-Achten, der zu den weltweit Besten seines Faches zählt.

Für Martin Wolfram aber ist dieser simple Kopfsprung aus 30 Zentimetern Höhe etwas Besonderes: Es ist der erste Rückwärtssprung seit dem olympischen Finale, seit sieben Monaten also. Es ist ein Erfolgserlebnis und zugleich ein Dämpfer. Nach wenigen Versuchen bricht er das Training ab. Er habe die Schulter gespürt und wolle lieber nichts riskieren, sagt er.

Bei den Spielen in London hatte er mehr riskiert – seine Gesundheit. Beim vierten Durchgang kugelte er sich die rechte Schulter aus und gleich wieder ein. Unter Schmerzen machte er weiter. Nach dem letzten Sprung hievte er sich mit dem linken Arm aus dem Wasser, die Mannschaftsärztin, der Physiotherapeut und Helfer stützten ihn, brachten ihn hinter die Tribüne. Dort wurde die Schulter wieder eingerenkt. „Dieses Geräusch, so ein fürchterliches Knacken, werde ich so schnell bestimmt nicht vergessen“, sagt er. Nach der Rückkehr aus London wurde der Dresdner an der Berliner Charité zwei Stunden operiert, ein Teil der Gelenkpfanne war herausgebrochen, Sehnen am Bizeps zerfetzt.

Seit Mitte August kämpft er um sein Comeback, zunächst täglich zwei bis drei Stunden in der Physiotherapie, seit einem Monat auch wieder in der Springerhalle. „Ich wollte die ganze Zeit ins Wasser. Das nicht zu können, hat mich fertiggemacht“, erzählt der 21-Jährige. Nun aber ist er wieder in seinem Element. Aufs Ein-Meter-Brett hat er sich schon gewagt für Kopfsprünge vorwärts. Im April soll es dann aufs Drei-Meter-Brett gehen. Und irgendwann in den kommenden Monaten endlich wieder auf den Turm. Wolframs langer Weg zurück ins Leben eines Wasserspringers lässt sich an Höhenmetern messen.

Es ist aber auch ein Wettlauf gegen die Zeit. Anfang Juni werden in seiner Heimatstadt Dresden die deutschen Meisterschaften ausgetragen, zugleich Qualifikation für die Jahreshöhepunkte. Die Europameisterschaft im gleichen Monat in Rostock ist eine Heim-EM, die WM in Barcelona Ende Juli eine besondere. Die Freiluft-Anlage Piscina Municipal in einem Park hoch oben über der Stadt gilt als eine der schönsten und imposantesten weltweit. „Ich war einmal im Urlaub da, habe mir das angeschaut und war begeistert“, erzählt er. „Deshalb will ich da unbedingt zur WM wieder hin, notfalls auch privat.“ Als Athlet wird das wohl nichts. „Ich gehe davon aus, dass ich es nicht schaffen werde“, sagt er. „Die Absprache mit meinem Trainer lautet: Wir wollen nichts überstürzen.“ Geduldig zu sein sei aber nicht so einfach.

Es sind nicht nur EM und WM, bei denen er zuschauen muss. Als Olympia-Achter hatte er sich auch für die sechs Stationen umfassende World Series, die gerade begonnen hat, qualifiziert. „Das sind die einzigen Wettkämpfe, bei denen wir Wasserspringer etwas verdienen können“, erklärt er. Bis zu 40000 US-Dollar (31000 Euro) streichen die Sieger ein.

Bei all diesen verpassten Möglichkeiten stellt sich die Frage, ob es sich wirklich gelohnt hat, in London mit lädierter Schulter zu springen. Für Martin Wolfram stellt sie sich nicht. „Ich bereue keinesfalls, dass ich es durchgezogen habe“, sagt er. „Olympia ist wichtiger als eine WM.“ Die Urkunde mit den fünf Ringen, die in seiner neuen Wohnung in Freital hängt, kann ihm niemand nehmen. Erst recht nicht die Erinnerungen an einen dramatischen Wettkampf, die imposante Schlussfeier und die fröhliche Rückfahrt mit der „MS Deutschland“. Dass er sich ins Goldene Buch der Stadt Dresden eintragen durfte, darauf ist er noch immer stolz.

Und wahrscheinlich hätte er auch operiert werden müssen, wenn nach dem vierten Durchgang Schluss gewesen wäre. Nur die Zwangspause, die wäre womöglich kürzer ausgefallen. Ein ganzes Jahr wird es letztlich wohl werden, das er verliert. In dieser Zeit absolvierte der Sportsoldat einen sechswöchigen Lehrgang bei der Bundeswehr inklusive einer Zeltübernachtung bei minus 15 Grad, er wurde zum Obergefreiten befördert. Und er konnte sich „in der Wohnung kreativ ausleben“. In dieser Zeit probierte sich die Konkurrenz aber auch an neuen Sprüngen. Die Schwierigkeitsgrade steigen und steigen, ein Ende ist nicht in Sicht. Viereinhalb Drehungen sind vom Zehn-Meter-Turm inzwischen fast Standard. „Ich werde lange brauchen, um mein altes Niveau zu erreichen“, ahnt er. „Und wenn ich wieder mit den Drehungen beginne, muss ich sehen, ob mein Kopf mitspielt. Oder ob da was hängengeblieben ist, ich Hemmungen habe.“

Andererseits könne er gleich die neuen Sprünge lernen. „Es gibt einiges zu tun“, sagt er, schultert seine Trainingstasche und muss zuschauen, wie die anderen weiter von Brettern und Türmen in die Tiefe stürzen. „Darauf hätte ich auch Lust.“

 

Quelle: SZ vom 21.3.2013

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