Frank Taubert: Der Trainerberuf hat keine Lobby

Erstellt von ch Wasserspringen 02.10.2015

Presseschau: DNN, Von Astrid Hofmann

25 Jahre nach der Friedlichen Revolution verblassen die Erinnerungen an die DDR-Zeit langsam. Zwischen dem 25. Jubiläum des Mauerfalls und dem 25. Jahrestag der Deutschen Einheit wollen die DNN daher in loser Folge verschiedene Lebensbereiche beleuchten. Wie war die Situation vor der Wende, wie ging es danach weiter? Heute befasst sich unsere Vorher-Nachher-Seite mit dem Leistungssport.

Vom Wasser kommt Frank Taubert nicht los. Es bestimmt seit über 50 Jahren sein Leben. Erst stürzt er sich als junger Sportler selbst mit waghalsigen Salti und Schrauben von Turm und Brett, später lehrt er die Kunst des Springens nachfolgenden Generationen von Athleten. In zwei Systemen arbeitet er als Trainer, kennt Vorzüge und Nachteile beider. Ein Job, den er nicht als Beruf, sondern vielmehr als Berufung versteht und der ihn bis heute ausfüllt, aber dem 59-Jährigen auch alles abverlangt. "Die Halle am Freiberger Platz war und ist mein Lebensmittelpunkt. Hier habe ich wohl mehr Zeit als irgendwo sonst auf der Welt verbracht", versichert er nicht ohne Stolz.

Wie alles angefangen hat, weiß Frank Taubert noch qanz genau. Die Leidenschaft für das Wasserspringen verdankt er seinen Eltern und einer Frau, die Anfang der sechziger Jahre in Deutschland einen Boom auslöst, ganz besonders aber in ihrer Heimatitadt Dresden - Ingrid Krämer-Gulbin, 1960 in Rom zweimal und 1964 in Tokio einmal Olympiasiegerin. "Ganze Heerscharen von Kindern wollten damals werden wie sie. Weil ich sehr bewegungsfreudig war, haben mich meine Eltern zum Probetraining auf die Marienallee geschleppt. Da musste man lange Schlange stehen, so groß war der Andrang. Das wäre heute undenkbar. Diese Begeisterung gibt es kaum noch."

Damals ist er eigentlich ein "Schisser", springt nicht ins Wasser und will schnell wieder nach Hause. Dennoch geht er weiter zu den Ubungsstunden, lernt schwimmen und überwindet den inneren Schweinehund. Als 1964 die neu erbaute Halle am Freiberger Platz fertig ist, erlebt der Achtjährige die feierliche Einweihung und ist fasziniert. Ab der 3. Klasse besucht er die Kinder- und Jugendsportschule, macht 1972 seinen Zehn-Klassen-Abschluss. Schon ein Jahr zuvor wird er Jugend-Europameister, seine sportlichen Highlights sind 1976 und 1980 die Teilnahmen an den Olyrnpischen Spielen in Montreal und Moskau. Dass er sich trotz mancher Niederlagen und Rückschläge im harten Trainingsalltag über die Jahre durchbeißt, hat auch mit einem prägenden Erlebnis als 13-Jähriger zu tun. "Ich durfte als Jüngster mit zu einem Wettkampf nach Wien, erstmals also in den Westen. Das war etwas Besonderes. Da wurdest du anschließend in der Schule als König rumgereicht. Damals war der Sport in der Gesellschaft wichtig, du warst anerkannt. Das hat Spaß gemacht und dich motiviert. So habe ich mir immer den Wettkampfkalender genommen und nachgeschaut, wo die Orte auf dem Globus zu finden waren."

Die Reisemöglichkeiten sind zu Zeiten des "Eisernen Vorhanges" ein Riesenanreiz und sie befördem den Konkurrenzkampf, aber nicht nur unter den Athleten. "Ich habe diese Kåimpfe auch unter den Trainern erlebt. In den Westen reisen konntest du nur, wenn du Spitzenathleten betreut hast. Deshalb wurde hart und mit Haken und Ösen darum gerungen, wer welche Sportler behalten darf", blickt Taubert mit gemischten Gefühlen zurück. Dass zudem alle vor den Reisen auf die "Auseinandersetzung mit dem Klassenfeind' eingeschworen wurden, empfand er als "extrem", sagt aber zugleich: "Die Verbote, mit Sportlern aus der BRD in Kontakt zu treten, haben wir oft ignoriert und man ist mit dem einen oder anderen schon ein Bier trinken gegangen. Das war allerdings immer mit einem Risiko verbunden", gibt er zu. Eher belustigt erzählt Taubert, wie sein damaliger Trainer den Funktionären Bericht erstatten und erklären musste, warum er bei einem Wettkampf gegen einen "Wessi" verloren hatte.

Neben den negativen Seiten des DDR-Sportsystems - dazu zählt er auch ganz klar das Doping, mit dem aber die Wasserspringer, wie er versichert, nicht in Berührung kamen - sieht Taubert dennoch sehr viel Positives. Es sei alles klar strukturiert gewesen. "So wurden wir mit Essen gut versorgt, spezifisch je nach Sportart. Ich saß mit vielen Mädels am Diättisch. Neben uns hatten Gewichtheber die Torte vor der Nase", verrät Taubert lachend, fügt aber hinzu: "Im Winterhalbjahr wurde streng darauf geachtet, dass wir genügend Vitamine zu uns nehmen und ab den siebziger Jahren hatten wir eine Physiotherapie in der Halle." Über die berufliche Perspektive musste man sich kaum Sorgen machen. "Ich habe nach der zehnten Klasse den Beruf eines Elektronikfacharbeiters erlernt. Das wurde aber alles mit dem Sport abgestimmt. Heute ist das wesenlich schwieriger, Ausbildung und Hochleistungssport lassen sich kaum vereinbaren. Und wenn es ein Athlet doch in Angriff nimmt, ist es auch für den Trainer eine Herausforderung, Wenn dein Schützling von morgens sieben an auf den Beinen ist, dann zum Training kommt und Höchstleistungen vollbringen soll, wird es kompliziert", weiß Taubert aus langjähriger Erfahrung und meint: "Da hilft uns meist nur die Bundeswehr."

Er selbst holt während seiner aktiven Laufbahn das Abitur nach, weil er unbedingt Trainer werden will. Nach dem Karriere-Ende studiert er an der Dresdner Außenstelle der DHfK Leipzig - die extra für Leistungssportler eingerichtet wurde - Sportwissenschaften. "Ein Top-Studium, weil du von Biomechanik und Trainingslehre über Grundlagen der Sportmedizin bis hin zu Pädagogik und Psychologie alles vermittelt bekamst, was du als Trainer an wissenschaftlichem Rüstzeug brauchst. Da kann keine A- oder B-Trainerlizenzausbildung mithalten. Dennoch reicht heute eine B-Lizenz aus, um im Spitzenbereich arbeiten zu dürfen", merkt Taubert kritisch an. Die Abwicklung der weltweit anerkannten DHfK nach der Wende sieht er bis heute als großen Fehler an. Die wissenschaftliche Basis fehlt ihm an vielen Stellen im deutschen Leistungssport, auch die enge Zusammenarbeit und der Austausch zwischen verschiedenen Sportarten. "Wenn es in der einen Disziplin nicht weiterging, hat man es in einer anderen versucht. So kam Olympiasiegerin Martina Jäschke ursprünglich vom Turnen", erzählt Taubert, der nach seiner Sportler-Karriere neben dem Studium als Übungsleiter anfängt und später als Trainer beim SC Einheit Dresden eingestellt wird. Er steht von früh sieben bis abends sieben in der Halle und es macht ihm "tierisch Spaß" . Er ist einer von 19 Trainem der Sektion Wasserspringen, bei der es einen Cheftrainer gibt, der sich ausschließlich um die organisatorischen Dinge wie Tiainingslager- und Wettkampfplanung oder um die berufliche Entwicklung der Sportler zu kümmem hat. "Heute bist du zu fünfzig Prozent Trainer und verbringst die andere Hälfte mit Organisationskram. Da fehlt dir wichtige Zeit, um mit deinen Sportlern zu arbeiten, Ideen und Konzepte zu entwickeln und Analysen zu erstellen", ärgert er sich.

An die Wende hat Taubert keine guten Erinnerungen. "Mit einem Schlag wurden fast alle entlassen. Ich auch. Nur zwei hauptamtliche Trainer blieben übrig. Ich musste mich auf dem Arbeitsamt melden. Man hatte nur noch Existenzangst. Der Sport geriet in den Hintergrund. Du hast zwar deine Arbeit irgendwie erledigt, aber eigentlich nur darüber nachgedacht, wie das Leben weitergehen soll. Damit konnte ich damals nur schwer umgehen", bekennt Frank Taubert, der dann eine ABM-Stelle als Landestrainer erhält. "Du - wusstest aber nie, ob die befristete Stelle fortgeführt wird, Aber auch die Stimmung in der Bevölkerung kippte, plötzlich beherrschten fast nur noch die negativen Seiten des DDR-Sports die Schlagzeilen und das bekamen wir auch zu spüren", so Taubert. Und dass die meisten Leitungsfunktionen im Verband von ,,Wessis" besetzt werden, ist für die gut ausgebildeten Trainer aus dem Osten nur schwer nachvollziehbar. "Unser Diplom zählte nicht, du musstest die Trainerlizenz erwerben und die zum Teil von weniger fachkompetenten Leuten sagen lassen, wo es langgeht", erinnert sich Taubert, weiß aber, dass es für beide Seiten nicht einfach war. "Die Springer aus den alten Bundesländern, die vorher Erste oder Zweite waren, kamen jetzt plötzlich auf Platz 17 an. Das bereitete ihnen natürlich Probleme. Viele Vereine gingen dabei den Bach runter. Von urspninglich 60 in ganz Deutschland sind jetzt noch etwa acht übrig", bedauert er. Dass bei den Wasserspringem das Zusammenwachsen von West und Ost relativ schnell ging, sei vor allem ein Verdienst der damaligen Bundestrainerin Ulla Klinger aus Aachen gewesen.

Im Jahr 1996 übernimmt Taubert die Verantwortung als Bundesstützpunkttreiner, führt Athleten wie Michael Kühne oder Annett Gamm in die Weltspitze. Im gleichen Jahr bekommt die Halle am Freiberger Platz als erste in Deutschland einen verbreiterten, für das Synchronspringen tauglichen Turm. Nach und nach wird der Bau saniert, 2003 ein Anbau eingeweiht, der auch Zuschauern Platz bietet und 2008 eine Edelstahlwanne ins Sprungbecken eingesetzt. "Wir haben wirklich optimale Trainings- und Arbeitsbedingungen."

Weniger glücklich findet er andere Entwicklungen. "Warum will heute kaum ein erfolgreicher Sportler Trainer werden", fragt er und gibt selbst die Antwort: "Der Beruf ist kein Zuckerschlecken. Du bist erfolgsabhängrg, arbeitest jeden Tag gegen die Weltspitze. In der Regel gibt es auf Olympiazyklen basierende Arbeitsverträge und dabei kommst du alle vier Jahre auf den Prüfstand. Dazu bist du viel unterwegs. Das alles schlaucht ohne Ende, Während der Trainerberuf zu DDR-Zeiten anerkannt und auch angemessen vergütet war, hat er heute keine Lobby und wird schlecht bezahll, Du kämpfst darum, zumindest an das Niveau eines Grundschullehrers heranzukommen. Das ist nicht lukrativ, damit lockst du kaum junge Leute in diesen Beruf."

Und bei den Kindern und Jugendlichen erkennt er ebenfalls Trends, die zu denken geben: "Wer will sich noch wirklich anstrengen oder sogar schinden? Nicht wenige Eltern kommen mit der Einstellung, Hauptsache, mein Kind hat Spaß. Das ist eine Ansicht, die vielen Menschen später auf die Füße fällt. Es kann schließlich für das Leben nicht verkehrt sein, wenn man lernt, sich durchzubeißen, Niederlagen wegzustecken, wieder aufzustehen." Außerdem sei auch die Sichtung von Talenten schwieriger geworden. "In Schulen wirst du nicht immer mit offenen Arrnen empfangen. Und wenn die Kinder der 1. Klasse zum Training kommen, fängst du oft damit an; ihnen die einfachsten Dinge wie Rolle vorwärts und rückwärts zu lemen", so Taubert. Zumindest in der Dresdner Talenteschmiede läuft es in den letzten Jahren sehr gut. "Wir haben insgesamt sechs Trainer. Das kann ausreichen, da darf aber nichts dazwischenkommen", meint er und fügt zum Vergleich an: "An einem Stützpunkt in Russland arbeiten etwa 18 Trainer."

Seit 2009 hat der Dresdner die Verantwortung als Jugend-Bundestrainer übernommen, ,,Ich bin jetzt seit 35 Jahren dabei, Die Anforderungen werden keinesfalls geringer. Aber mir macht es immer noch Spaß. Sonst würde man das wohl kaum so lange durchhalten", meint Taubert schmunzelnd. Er kommt eben nicht los vom Wasser.

 

Mit freundlicher Genehmigung der DNN.

DNN vom 8.September 2015

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