Vor 30 Jahren: DSC feiert seine Neugründung

Erstellt von sh Verein 09.06.2020

Ein Beitrag von Andreas Tschorn

Zum heutigen 9. Juni, an dem vor 30 Jahren der Dresdner SC 1898 seine Neugründung feierte, wollen wir mit einem Gastbeitrag von Andreas Tschorn, Mitglied unserer Abteilung Fußball, an diese Zeiten erinnern.

 

Genau vor 30 Jahren feierte der neugegründete Dresdner SC am Wochenende des 9. und 10. Juni 1990 mit einem zweitägigen großen Stadionfest seine Wiederauferstehung nach über 40 Jahren. Anlass, die spannende Wendezeit 1990 aus DSC-Sicht einmal genauer zu beleuchten.

Doch zunächst ein ausführlicher Blick auf die Traditionslinie vom alten zum neuen DSC: Mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 war sämtlichen deutschen Sportvereinen jegliche Betätigung verboten. Am 30. Mai 1945 wurde der Dresdner SC durch die neue Stadtverwaltung Dresdens enteignet, am 30. Juni 1945 formal aufgelöst. Letzter Schritt war im Oktober 1946 die Löschung aller Dresdner Sportvereine aus dem Vereinsregister. Beim DSC erfolgte die Löschung am 17. Oktober 1946. An die Stelle der Sportvereine traten 1945 in der sowjetischen Besatzungszone zunächst an einen Ort oder Stadtteil gebundene Sportgruppen. Die SG Friedrichstadt wurde bereits am 24. Juni 1945, nur 47 Tage nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als Nachfolgeorganisation der drei im Sportpark Ostragehege beheimateten Vereine Dresdner SC, ATV Dresden und Post-SG Dresden errichtet. Im diesbezüglichen öffentlichen Gründungsaufruf in der von der sowjetischen Militärverwaltung herausgegebenen Dresdner "Tageszeitung für die deutsche Bevölkerung" hieß es: "Alle ehemaligen Mitglieder des Arbeiter-Turn- und Sportbundes (Anm.: gemeint waren die Friedrichstädter Arbeitersportler bis 1933; mit Max Corty wurde einer von ihnen schließlich Leiter der SG Friedrichstadt), Dresdner Sport-Clubs, Postsportvereins und ATV, welche weiterhin Sport betreiben wollen, werden hiermit aufgefordert, sich umgehend in die neuen Mitgliederlisten einzutragen, welche in der Zeit von 9 bis 18 Uhr im Kasino des ehemaligen DSC, Sportpark Ostragehege, ausliegen. Der nach neuen Grundsätzen aufgebaute Verein wird zunächst folgende Sportarten betreiben: 1. Turnen, 2. Fußball, 3. Handball, 4. Leichtathletik, 5. Ringen und Boxen, 6. Radfahren, 7. Wandern, 8. Schach." Zur Ergänzung sei noch erwähnt, dass der heutige DSC 1898 nur noch traditioneller Nachfolger des alten DSC und des ATV Dresden (gegründet 1843 als Dresdner TV) ist. Denn einer der drei Vorgängervereine der SG Friedrichstadt, der heutige Post-SV Dresden (gegründet 1925 als Post-SpVgg Dresden, ab 1934 Post-SV Dresden, ab 1940 Post-SG Dresden), verließ 1949 die SG Friedrichstadt und stellte sich als BSG Post Dresden auf dem Sportplatz an der Hebbelstraße in Cotta neu auf.

Nach den allseits bekannten politischen Machenschaften rund um die SG Friedrichstadt wurde diese im Frühjahr 1950 zur Selbstauflösung gezwungen. Der Versuch einer Neugründung als "Dresdner Sport-Centrum Eisenbahn" wurde unterbunden. Eigentlich sollte sich die SG Friedrichstadt komplett der BSG VVB Tabak Dresden anschließen, doch die Sportler der SG Friedrichstadt zogen es vor, sich im April und Mai 1950 mehrheitlich der nächstgelegenen Sportgemeinschaft SG Mickten anzuschließen, die sich wiederum am 1. Mai 1950 der BSG Sachsenverlag Dresden (gegründet am 24. August 1948, am 11. Januar 1951 umbenannt in BSG Rotation Dresden) anschließen musste. Eine größere Ausnahme hiervon war jedoch die etwa 40 Mitglieder zählende Abteilung Hockey, die bei einer Versammlung im Sportcasino am 7. Mai 1950 den Beitritt zur BSG Reichsbahn Dresden (später BSG Lokomotive Dresden, heute ESV Dresden) zum 1. Juni 1950 beschloss.

Die 1. Fußballmannschaft der SG Friedrichstadt hingegen ging, nachdem drei Freundschaftsspiele zum Saisonende unter dem Namen  BSG VVB Tabak Dresden absolviert werden mussten, nahezu geschlossen in das politische Exil nach West-Berlin. Dort fand am 7. Juni 1950 das für 40 Jahre lang letzte Fußballpiel als Dresdner SC statt: Gegen Hertha BSC wurde vor 5.000 Zuschauern mit 4:2 gewonnen. Im direkten Anschluss an dieses Benefizspiel, dessen Einnahmen komplett den als politisch anerkannte Flüchtlinge geltenden Ex-Spielern der SG Friedrichstadt zu Gute kamen, erfolgte die offizielle Gründung der Spielgemeinschaft Hertha BSC/DSC, welche zwei Tage später auch öffentlich bekanntgegeben wurde. Zum 1. Juli 1951 wechselte der Großteil der Dresdner Spieler als eigenständige Abteilung Dresdner SC zur TSG Heidelberg 1878. Am 30. April 1952 machte sich der Dresdner SC in der TSG Heidelberg schließlich als Dresdner SC Heidelberg selbstständig. Der DSC Heidelberg wiederum fusionierte am 28. Juni 1968 mit der Freien Turnerschaft Heidelberg zum Heidelberger SC, der noch heute den 30. April 1898 als Gründungsdatum seiner Abteilung Fußball angibt.

In Dresden erlebte die Idee eines großen Sportclubs, wie es bis 1945 die Nachbarvereine Dresdner SC und ATV Dresden waren, eine Renaissance, als am 21. November 1954 der SC Einheit Dresden gegründet wurde. Wenn natürlich auch unter komplett anderen gesellschaftlichen Bedingungen. Als Abteilung (nun Sektion) Fußball wurde der Leistungsbereich der BSG Rotation Dresden dem SC Einheit angegliedert. Diese Sektion Fußball, der DDR-Pokalsieger von 1958, wurde mit all ihren 16 Fußballmannschaften aufgrund eines DTSB-Beschlusses am 6. Januar 1966 als FSV Lokomotive Dresden aus dem SC Einheit ausgegliedert. Weitere Sektionen im neuen SCE waren Fechten, Handball, Kegeln, Leichtathletik, Rudern, Schach, Schwimmen, Tischtennis, Turnen, Wasserball und Wasserspringen. In späteren Jahren kamen noch Bergsteigen, Eishockey, Eiskunstlauf, Eisschnelllauf, Gewichtheben und Kanu hinzu.

Im Zuge der politischen Wende in der DDR konnte am 31. März 1990 die Neugründung des DSC zunächst als Interessengemeinschaft vorgenommen werden. Der Clubvorstand des SC Einheit Dresden beschloss in seiner Vorstandssitzung am 19. April 1990 schließlich die Umwandlung in einen eingetragenen Verein und die Umbenennung des SC Einheit Dresden in Dresdner SC 1898 durch Annahme einer entsprechenden Vereinssatzung. Die zehn Abteilungen des neuen DSC waren vorerst Fechten, Gewichtheben, Kanu, Leichtathletik, Rudern, Schwimmen, Turnen und Wasserspringen sowie neu Radsport und Volleyball. Die Gründung der Abteilung Volleyball wurde erst in dieser Sitzung auf Antrag des Vorstands des Deutschen Sportverbandes Volleyball der DDR (DSVB) beschlossen. Somit war es nun endlich möglich, das schon seit 1968 ersehnte Leistungszentrum für Frauen-Volleyball auch in Dresden aufzubauen. Bedingt durch die Auflösung einiger Mannschaften durfte das neue Dresdner Team 1990/1991 als fünftes DDR-Leistungssportzentrum für Volleyball auf Anhieb in der nur noch aus sieben Vereinen bestehenden DDR-Oberliga, später Oberliga Ost, starten. Nicht mehr dabei waren schon seit 1989 Eiskunstlauf und Eisschnelllauf. Denn infolge eines DTSB-Beschlusses wurden noch vor dem Mauerfall in den DDR-Sportclubs die Sommer- und Wintersportarten voneinander separiert, was am 28. Oktober 1989 zur Abspaltung vom SC Einheit Dresden und Gründung des ESC Dresden führte. Nicht neu eingetretene Beitrittskandidaten waren Bogenschießen, Kegeln, Schach, Tischtennis und Triathlon. Günter Mauckisch als letzter Clubvorsitzender des SC Einheit Dresden wurde durch die Umbenennung automatisch auch erster Vorstandsvorsitzender des DSC 1898. Die FSV Lokomotive Dresden trat mit all ihren 21 Fußballmannschaften am 7. Juni 1990 dem DSC als neue Abteilung Fußball bei. Lothar Müller, treibende Kraft der DSC-Neugründung, wurde erster Fußball-Abteilungsleiter. Am gleichen Tag erhielt der Dresdner SC 1898 mit der Eintragung in das Vereinsregister das Kürzel e. V.

"Sport-Dresden erlebte Wiedergeburt des DSC" war auf der Titelseite der Sächsischen Zeitung vom 11. Juni 1990 zu lesen. Die Neugründung des Dresdner SC wurde am Wochenende des 9. und 10. Juni 1990 groß gefeiert. Im Heinz-Steyer-Stadion und im gesamten Sportpark Ostragehege war an beiden Tagen zwischen 9 und 18 Uhr einiges geboten. "Auf ins Ostragehege, dort ist was los!" titelte die SZ. So etwa das 1. DSC-Nachwuchs-Leichtathletik-Sportfest mit 700 aktiven Sportlern (heutiges DSC-Jugendmeeting Leichtathletik), Rhönrad- und Karate-Vorführungen, Talkrunden der Dresdner Sportprominenz, Demonstrationskämpfe in der DSC-Fechthalle, eine Turnparade, Fitnesskurse der Gewichtheber, Trampolinspringen und Rollschuhlauf-Wettbewerbe. Es herrschte ein buntes Markttreiben. Mit dem Erwerb eines Programms war man außerdem an einer Tombola beteiligt. Hauptpreis war ein bereits angesparter Bausparvertrag bei der Raiffeisenbank.

Die DSC-Fußball-Premiere nach 40 Jahren war der F-Jugend vorbehalten. Am Samstag, den 9. Juni 1990 fand an der Pieschener Allee 21 von 9 bis 14 Uhr das erste DSC-Miniturnier statt. Turniersieger wurde die BSG LTA Dresden vor dem Chemnitzer FC, dem 1. FC Dynamo Dresden und Hertha BSC Berlin. Sechster wurden die DSC-Jüngsten. Am Sonntag war das Ostragehege Schauplatz des traditionsreichen Fußball-Knabenturniers um die Silberne Lok mit zwölf teilnehmenden Mannschaften. Das Finale gewann die SG Dynamo Heide Dresden gegen den FC Grün-Weiß Leipzig mit 3:1. Die Partie um den 3. Platz gewann der 1. FC Dynamo Dresden mit 5:0 gegen den Gastgeber DSC. Ebenfalls am Sonntag trat um 13:15 Uhr die Prominenten-Auswahl "Kunst-Kultur-Sport" (u. a. mit Fußball-Legende Hans-Jürgen Kreische, Schlagersänger Frank Schöbel, TV-Moderator Hans-Joachim Wolfram und Gewichtheber-Legende Peter Wenzel) unter Leitung des Schiedsrichters Edgar Külow (bekannter Schauspieler in der DDR) im Stadion gegen eine Dresdner Sportjournalisten-Auswahl an und gewann mit 2:0. Die Treffer markierten DSC-Schwimm-Legende Dirk Richter und der ehemalige Fußball-Torwart Bernd Jakubowski. Anschließend absolvierte die 1. Männermannschaft um 15 Uhr ihr erstes Fußballspiel. Es wurde ebenfalls im Heinz-Steyer-Stadion gegen eine Stadtauswahl aus Wiesbaden-Biebrich mit 4:0 gewonnen.

Höhepunkt der zweitägigen Veranstaltung war trotz einiger Regenschauer am Sonntag das offizielle Gründungszeremoniell mit der Weihe einer neuen DSC-Vereinsfahne, durchgeführt vor dem Hauptspiel um 15 Uhr. Zu den Klängen von Ludwig van Beethovens "Ode an die Freude" zogen junge DSC-Sportler das Banner am Fahnenmast empor. Grußworte sandte der zu diesem Zeitpunkt bereits erkrankte Ex-Fußball-Bundestrainer Helmut Schön: "Ich bin mit ganzem Herzen an diesen Ehrentagen bei Ihnen. Ich wünsche dem Verein in alter Verbundenheit für die sportliche Zukunft alles Gute und viel Glück." Die Dresdner Fußball-Legende sollte Ehrenpräsident des neuen DSC werden, doch Helmut Schön wollte aus gesundheitlichen Gründen an einer persönlichen Verleihung dieser in Dresden nicht teilnehmen. Unangekündigt und still, fast heimlich, besuchte er mit seiner Frau Annelies Schön Dresden und das Heinz-Steyer-Stadion 1991 ein letztes Mal.

"Wird der DSC ein sportliches Wunderkind?" Dies fragte die Sächsische Zeitung bereits am 6. April 1990 auf ihrer Titelseite, also bereits 13 Tage vor der geplanten offiziellen Umbenennung, die auf einer Pressekonferenz Anfang April 1990 bekanntgegeben wurde. Kritisch wurde die ungeklärte Finanzierung des neuen Großvereins hinterfragt. Der lächerliche Mitgliedsbeitrag von monatlich 1,30 Mark der DDR sollte schnellstmöglich auf 10 DDR-Mark angehoben werden. Eine wichtige Rolle spielte auch der württembergische Unternehmensberater Wilfried Wernet aus Albstadt, der mit einem Beratervertrag beim künftigen DSC ausgestattet war. Der umtriebige Schwabe verschrieb sich dem Dresdner Sport, weil seine Ehefrau eine gebürtige Dresdnerin war. "Ich möchte mit meinen Möglichkeiten etwas für die Menschen in dieser Stadt tun. Und dafür, dass man sich hier wohlfühlt, spielt der Sport keine unwesentliche Rolle", umriss der spätere Gründer der DSC-Sportmarketing GmbH sein Konzept. Diese umstrittene Vermarktungsgesellschaft sicherte sich für gleich zehn Jahre die Werberechte des neuen DSC. Der Knebelvertrag konnte schließlich erst Ende 1991 aufgehoben werden. Kurz zuvor wurde Günther Rettich am 1. Dezember 1991 erster von den Vereinsmitgliedern frei gewählter DSC-Präsident nach der Wende.

Durch die Vermittlung von Wilfried Wernet nahm die LG Stuttgart am 1. DSC-Nachwuchs-Leichtathletik-Sportfest teil, dessen Staffelläufe um den "Ehrenpreis der Stuttgarter Zeitung" ausgetragen wurden. Auch die Fußballer des Zweitbundesligisten SV Stuttgarter Kickers standen Pate. Kickers-Präsident Axel Dünnwald-Metzler sagte: "Es war für uns, die Stuttgarter Kickers, eine große Freude und Ehre, als wir gebeten wurden, bei der Wiedergründung des traditionsreichen Dresdner Sport-Clubs die Patenschaft zu übernehmen, zumal unsere beiden Vereine annähernd zur selben Zeit gegründet wurden. Freuen wir uns darüber, dass die gesellschaftlichen Veränderungen in der DDR ermöglichen, dass der DSC eine Wiedergründung erfahren darf." Aus der Patenschaft, so der Kickers-Chef, solle eine echte Partnerschaft entstehen, "mit vielen freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Mitgliedern unserer beiden Vereine".

Nach diesem furiosen Neustart erlebte der DSC 1898 die Nachwendezeit als spannende Ära mit Höhen und Tiefen. Doch auch der neue DSC wuchs wie schon der alte DSC Jahrzehnte zuvor dank des tollen Engagements seiner Vereinsmitglieder aus eigener Kraft. Zum 1. Januar 2020 hatte der Verein 4.316 Vereinsmitglieder, so viele wie nie zuvor. Gemessen an der Anzahl der Mitglieder ist der DSC heute der sechstgrößte Sportverein in Sachsen. Werden nur sportlich aktive Mitglieder berücksichtigt, ist der DSC außerdem der größte Sportverein in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden. 30 Jahre neuer DSC, das darf gefeiert werden!

 

 

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