Stars für einen Tag

Wasserspringen 18.12.2013

Dresdens Wasserspringern gelingt 2013 Sensationelles. Das bleibt jedoch folgenlos – außer bei der Sportlerwahl.

Mit den Sensationen im Sport ist das so eine Sache. Das Wort wird derart strapaziert, dass jede Überraschung gleich zur Sensation wird. Man sollte also vorsichtig damit umgehen. Bei Sascha Klein und Tina Punzel allerdings darf man sich ruhig trauen. Was den beiden Dresdner Wasserspringern im Sommer gelang, war keinesfalls alltäglich. Es waren Sensationen.

Punzel gewann mit gerade einmal 17 Jahren bei der Europameisterschaft in Rostock Gold vom Dreimeter-Brett. Es war ihr erster internationaler Titel überhaupt, selbst bei den Juniorinnen landete sie nie ganz vorn. Sie hatte ein Seuchenjahr hinter sich und mit der Italienerin Tania Cagnotto eine schier unschlagbare Konkurrentin vor sich. Trotzdem gewann Punzel – 20 Jahre nach der Leipzigerin Britta Baldus.

Und Klein holte mit seinem Synchronpartner Patrick Hausding Turm-Gold bei der WM in Barcelona. Das hatte noch kein deutscher Wasserspringer geschafft – und überhaupt nur eine Frau: Christa Köhler 1973. Das erste WM-Gold also nach 40-jähriger Unterbrechung. Unglaublich. Zumal die Sieger eigentlich immer schon vorher feststehen und stets aus China kommen. Doch die Olympiasieger patzten diesmal.

Solche Medaillen ziehen weitere Ehrungen nach sich. Klein etwa landete bei der Wahl des europäischen Schwimmverbandes auf Platz zwei, Punzel wurde Vierte. Am vergangenen Sonntag waren Hausding und Klein Gast bei der ZDF-Gala zum „Sportler des Jahres“, die beiden kamen auf einem erstaunlichen fünften Platz ein – hinter einem übermächtigen Fußball-Trio. Auch der TV-Sender Sport1 sucht gerade die Stars 2013, Klein/Hausding stehen auf der Liste.

Die größten Chancen auf einen Sieg haben die Sachsen aber in Sachsen. Bis zum 3. Januar noch läuft die Abstimmung des Landessportbundes. Nach der Vorauswahl durch Fachjournalisten liegt Klein auf Platz drei und Punzel auf fünf. Turmspringer Martin Wolfram, der nach einer schweren Verletzung bei der EM vom ungewohnten Einmeter-Brett antrat und Silber gewann, schaffte es nicht in die Endrunde, landete auf Platz 26. Am 11. Januar werden die Sieger in Dresden bei der Sportgala gekürt. „Da freue ich mich schon drauf“, sagt Punzel. „Es ist doch interessant zu sehen, was bei den Leuten hängengeblieben ist und wie sie unsere Leistungen im Vergleich zu anderen Athleten bewerten.“

Ihr Trainingspartner macht sich „wenig Hoffnung auf einen Sieg. Ich gehe mal davon aus, dass andere Sportarten mehr im Vordergrund stehen“, meint Klein. Der 28-Jährige hat da Erfahrung. Auf die Frage, was sich nach dem Sprung ins Geschichtsbuch für ihn persönlich verändert habe, fällt seine Antwort knapp aus: „Ich bin jetzt eben Weltmeister.“ Erkannt wird er auf der Straße noch immer nicht, Sponsoren stehen auch nicht Schlange. „Es könnte schon ein bisschen mehr sein“, findet er. Es ist das Los der Randsportarten.

Ein Auftritt in der NDR-Fernsehsendung „DAS!“, ein Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Dresden – das war es auch schon. Als Weltmeister darf er im kommenden Jahr zumindest bei der lukrativen World Series starten. Für Wasserspringer ist das die einzige Möglichkeit, Prämien zu kassieren. Bei jeder der sechs Stationen gibt es immerhin 145000 Euro.

Das Geld reizt aber nicht so sehr wie die Aussicht auf weitere Medaillen. Trotz eines nahezu perfekten Jahres mit insgesamt vier Podestplätzenbei EM und WM. „Ich habe nicht die Angst, dass mir die Ziele ausgehen“, erklärt der Sportsoldat. „Der Kampfgeist ist schon wieder da.“ Bis maximal 2016 will er seine Karriere fortsetzen, dann zurück in seine Heimatstadt Aachen ziehen. Freundin Franziska ist nach erfolgreich abgeschlossenem BWL-Studium an der TU Dresden bereits zurückgekehrt, arbeitet dort im Controlling einer Firma. „Zum Glück gibt es Direktflüge von Dresden nach Köln-Bonn“, sagt Klein. So richtig anfreunden kann er sich mit der Pendelei aber nicht.

Tina Punzel führt auch eine Fernbeziehung, Freund Oliver Homuth, ebenfalls Wasserspringer, lebt in Berlin. Die inzwischen 18-Jährige bekam einige Autogrammanfragen und ein Angebot zum Einrichten einer eigenen Homepage, sonst hat sich auch bei der Sportgymnasiastin wenig geändert. Die Folgen ihres Sensationssieges von Rostock spürt sie vor allem mental. „Die Erwartungen, sowohl von mir selber als auch der Öffentlichkeit, sind gestiegen“, erzählt sie. „Ich spüre, dass ich kein Noname mehr bin, muss damit irgendwie klarkommen. Ich darf mir nicht zu viel Druck machen.“

 

Das gilt vor allem für die Europameisterschaft im August in Berlin. Es ist wieder eine Heim-EM, diesmal aber zusammen mit den Schwimmern. Was mehr Aufmerksamkeit verspricht, auch mediale. Klein und Punzel wollen dort ihre Titel verteidigen. Und auch Martin Wolfram möchte nach einer erneuten medizinischen Zwangspause wieder aufs Podium. Für eine gute Ausgangsposition bei der nächsten Abstimmung zum „Sportler des Jahres“. SZ vom 18.12.2013

 

 

www.sport-fuer-sachsen.de

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