Der Vorturner

Wasserspringen 24.09.2014

Volker Parsch, der auch die Nachwuchsspringer striezt,  führt als Trainer Athleten an die Weltspitze – zu seinem 75. Geburtstag erinnern sie sich.

Von den Haaren stehen nur noch ein paar Stoppeln, das Gesicht ist nicht mehr ganz so glatt, aber: „Der Mann hat einen Body – da fällt dir nichts mehr ein“, sagt Diana Morawe. Sie gehört zur langen Riege Dresdner Turnerinnen, die Volker Parsch zu Erfolgen führte. Heute feiert der Trainer seinen 75. Geburtstag und ist fit wie ein Turnschuh. Kein Wunder. Dreimal in der Woche trimmt er sich gemeinsam mit seiner Frau Dorle im Fitnessstudio, fährt im Sommer Rad, im Winter Ski, und seit zwei Jahren geht er surfen.

Volker Parsch hat mehrere Generationen von Sportlern geprägt und seinen Schützlingen mehr beigebracht als Flickflack und Salto. „Er war zwar streng, hat uns aber immer respektvoll behandelt“, sagt Diana Morawe. „Andere Trainer haben die Turnerinnen klein gemacht: Du bist nichts, du kannst nichts. Er hat sich immer vor uns gestellt.“ Bei der WM 1983 gewann sie mit der DDR-Mannschaft die Bronzemedaille, obwohl sie in der Vorbereitung beinahe verzweifelt wäre. „Ich hatte einen Knoten im Kopf, kam nicht mehr weiter. Andere hätten geschrien, aber Volker ist mit uns Volleyballspielen gegangen.“ Die Verkrampfung löste sich.

Volker Parsch, der in Gablonz bei Zittau geboren wurde, hatte selbst geturnt, die Qualifikation für Olympia 1964 nur knapp verpasst. Eigentlich wollte er als Maschinenschlosser handwerklich tätig sein, aber er merkte, dass das Turnen seine Berufung ist und schlug nach seiner Karriere die Laufbahn als Übungsleiter ein. In Dresden betreute er zunächst die Jungen wie Ralf-Peter Hemmann. „Anfangs kam ich weniger gut mit ihm aus“, erinnert sich der heute 55-Jährige. „Aber wir haben schnell zueinandergefunden.“

Hemmann gehörte zu dem Typ Sportler, die sich anhören müssen: Du könntest noch mehr, wenn du nur willst! „Ich war ein Wettkampftyp, und den haben Trainer nicht so gern.“ Natürlich habe es auch zwischen ihnen geknirscht, aber: „Er konnte sich sehr gut in die Psyche eines Wettkämpfers hineinversetzen und wusste, dass ich am Tag X fit sein werde. Wenn man dann auf dem Treppchen steht, ist sowieso alles vergessen.“

Obwohl Hemmann früh an den Stützpunkt nach Leipzig delegiert wurde, wie es in der DDR üblich war, schreibt er Parsch eine entscheidende Aktie an Olympia-Silber 1980 und WM-Titel 1981 zu. „Die Zusammenarbeit mit ihm dauerte zwar nicht allzu lange, war aber für mich richtungsweisend und prägend.“ Das betont auch Martina Jentsch. Sie sei froh, dass sie einen Trainer hatte, der bereit war, auf sie einzugehen und ihr nicht permanent aufgezwungen habe, was sie zu tun und zu lassen hat. „Dadurch sind mir sicher einige Verletzungen erspart geblieben.“ Die 46-Jährige, die in Cottbus eine Boutique betreibt, gehörte bei den Olympischen Spielen 1988 zur Bronze-Riege der DDR.

„Natürlich spürten wir den Leistungsdruck, aber mit Volker Parsch hatten wir auch unseren Spaß“, sagt Martina Jentsch. „Im Trainingslager haben wir ihm den Schlafanzug zugenäht, hatten jeden Abend einen anderen Gag auf Lager, aber er hat uns das nicht krumm genommen, sondern musste sicher selber kichern.“ Der Trainer unternimmt auch außerhalb der Turnhalle viel mit seinen Schützlingen, legendär sind vor allem die Winterlager. „Ich habe zwar ewig nicht mehr auf Skiern gestanden“, sagt Martina Jentsch, „aber ich weiß: Ich könnte es – und das nur dank ihm.“

Vor der Wende motivierte er sogar mit Kaugummis aus dem Westen, wie sich Anja Kummich erinnert. Auch sie gehörte in den 1980er-Jahren zu den Dresdner Auswahl-Turnerinnen. „Natürlich habe ich auch mal geheult, weil ich nicht mehr konnte“, sagt die 45-Jährige, „aber dank ihm bin ich ein Kämpfer geworden, habe es gelernt, mich durchzuboxen.“

Als sich das Tor zur Welt öffnete, flogen Volker und Dorle Parsch mit ihren Turnerinnen vom Dresdner SC in die USA und nach Südafrika. Gemeinsam führten sie mehrere Mädchen in die nationale Spitze wie Stefanie Hamann, 2006 vierfache deutsche Nachwuchsmeisterin. Sie trainiert inzwischen wieder bei Volker Parsch, denn zweimal wöchentlich lassen sich einige „Ehemalige“ gern von ihm striezen. „Er treibt uns immer noch an die Grenzen unserer Kräfte“, meint Stefanie Hamann, „aber besonders gern lauschen wir, wenn er Geschichten von früher erzählt oder von seinen Reisen berichtet.“

Auch am jüngsten Erfolg des DSC hat Volker Parsch eine Aktie. Marlene Bindig, die bei der deutschen Meisterschaft Bronze am Boden gewann, hat bei ihm mit dem Turnen begonnen. „Wir waren zu dritt in der Trainingsgruppe, seine drei Musketiere“, erzählt die 17-Jährige. „Das Wichtigste, was er mir vermittelt hat, meine Versuche selbst einschätzen zu können und Fehler zu korrigieren.“

 

Sein Jubiläum will Volker Parsch im kleinen Kreis feiern. „Er sagt, die große Party gibt er zum 80.“, meint seine Frau Dorle. Aber man ahnt, dass sein Telefon heute noch öfter als sonst klingelt. Gesundheit und weiter viel Freude am Sport wünschen ihm die Gratulanten. Und dass er sich seinen Humor bewahrt. „Ich habe immer sein sympathisches Grinsen vor Augen“, sagt Diana Morawe. (mit ald)

 

 

Ein Kraftpaket an den Ringen: Volker Parsch gehörte zu den besten Turnern der DDR, danach führte er als Trainer seine Athleten an die Weltspitze.

 Ein Kraftpaket an den Ringen: Volker Parsch gehörte zu den besten Turnern der DDR, danach führte er als Trainer seine Athleten an die Weltspitze.

 

 

Volker Parsch begann als Trainer bei den Jungen; hier 1974 die Riege mit dem späteren Weltmeister Ralf-Peter Hemmann (3. v. r.). Ab 1978 wurde Dresden Stützpunkt für Mädchen.

 

 

Volker Parsch begann als Trainer bei den Jungen; hier 1974 die Riege mit dem späteren Weltmeister Ralf-Peter Hemmann (3. v. r.). Ab 1978 wurde Dresden Stützpunkt für Mädchen.

 

 

 

 

SZ Online vom 24.9.2014

 

 

 

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